Der Siegeszug der gelockten Haubenhühner

 

 

Es ist eine große Herausforderung eine neue Rasse zu erschaffen. Das Ziel zu erreichen vermittelt viel Genugtuung, die Rasse aber in den Rassegefllügelstandard aufgenommen zu bekommen, gleicht einem Sieg. Um eine neue Rasse zu erschaffen muß man einer Idee verfallen sein, eine Menge Hintergrundwissen haben, Glück, Geld und ein gewisses Maß an intuitivem Fingerspitzengefühl. All das kann nicht oft kombiniert in einer Person angetroffen werden.

 

Dann und wann trifft man einmal einen Mann wie Arie Boland aus Sinderen in den Niederlanden, als bekannten Züchter von Haubenhühnern, der die gelockten Haubenhühner erschuf: Paduaner, Holländer Haubenhühner und die verzwergten Varianten. Leider verstarb Arie im Dezember 2001 viel zu früh.

 

Es hat nahezu 15 Jahre gedauert die Rasse zu entwickeln, 20.000 Küken wurden erbrütet. Mittlerweile sind die Gelockten vom niederländischen Anerkennungsausschuß in den gleichen Farbenschlägen wie die glattfiedrigen Varianten in den Rassegeflügelstandard aufgenommen worden.

Nachdem Arie Boland der internationalen Rassegeflügelszene seine Kreationen vorgestellt hat, arbeitet er weiter an der Verbesserung der großen Gelockten.

 

 

Hintergrund

 

In der Vergangenheit wurden gelockte Haubenhühner immer wieder in Veröffentlichungen erwähnt, jedoch hat man sie in den letzten einhundert Jahren weder bei Züchtern gesehen, noch wurden sie auf Ausstellungen gezeigt. Ein Gemälde des späten C. S. Th. van Gink, einem frühen Geflügelexperten, Richter und Begründer der World Poultry Science Association, vermittelt die notwendige visuelle Inspiration.

 

Als Haubenhuhnzüchter meinte  Arie Boland, dass es möglich sein müsste, die gelockte Variante zu erschaffen. Er erahnte aber die Probleme, weil die Gelockten in den Niederlanden lange ausgestorben waren.

 

Er begann mit einer weißen Zwerg-Paduanerhenne und einem gelockten weißen Chabohahn. Durch einen Zufall stieß er 1978 auf einen gelockten langbeinigen Chabohahn mit einem kleiner als üblichen Kamm und Schwanz. Das ergab für ihn die günstige Gelegenheit, die er benötigte. Dieser Hahn wurde mit einer weißen Paduanerhenne verpaart, leider war einer der beiden Partner unfruchtbar. Im darauf folgenden Jahr benutzte er einen nah verwandten Hahn der gleichen Rasse mit den gleichen Merkmalen und zog genügend Küken auf, um von ihnen  entsprechend auswählen zu können. Erstaunlicherweise trug die Nachkommenschaft einige starr aufrecht stehende Federn direkt hinter ihren Kämmen. Nicht überraschen wird, dass diese Jungtiere die Ausgangsbasis für das Zuchtvorhaben bilden sollten.

 

Genetische Eigenschaften

 

Genetisch wurde er mit vielen Problemen konfrontiert, als er nebeneinander an verschiedenen Merkmalen arbeitete: die Hauben, das gelockte Gefieder und die Gefiederfarbe. An erster Stelle hatte er den richtigen Typ der Zwerg-Haubenhühner zu entwickeln.

Ein weiteres Problem ergab sich aus der Dominanz der Chaboanleihen ( vgl. Kurzbeinigkeit, Schwanzgefieder), und es war nur durch umsichtige Selektion über einen beträchtlichen Zeitraum möglich, die unerwünschten Eigenschaften zurück zu drängen. Zu weit würde es an dieser Stelle führen, alle Details der Zuchtstrategie zu dokumentieren. 

 

Ebenso wichtig erscheint hier zu sein, wie sich die Merkmale Haube und gelockte Feder verhalten haben. Dies ist in den Tabellen dargestellt.

 

Mögliche Kombinationen der Merkmale Haube reinerbig, Haube mischerbig, ohne Haube

                         Henne                                                                               Hahn

                               Haube reinerbig                        Haube mischerbig                      ohne Haube

Haube

reinerbig

100 % Haube

50 % Haube

100 % mischerbig

 

50 % mischerbig

 

Haube

mischerbig

50 % Haube

25 % Haube

50 % mischerbig

50 % mischerbig

50 % mischerbig

50 % ohne Haube

 

25 % ohne Haube

 

Ohne

Haube

100 % mischerbig

50 % mischerbig

100 % ohne Haube

 

50 % ohne Haube

 

 

 

 

Mögliche Kombinationen der Merkmale „Über-Gelockt“, Gelockt, Glattfiedrig

                         Henne                                                                               Hahn

                               „Über-Gelockt“                       Gelockt                                    Glattfiedrig

„Über-Gelockt“

100 % „Über-Gelockt“

50 % „Über-Gelockt“

100 % Gelockt

 

50 % Gelockt

 

Gelockt   

50 % „Über-Gelockt“

25 % „Über-Gelockt“

50 % Gelockt

50 % Gelockt

50 % Gelockt

50 % Glattfiedrig

 

25 % Glattfiedrig

 

Glattfiedrig

100 % Gelockt

50 % Gelockt

100 % Glattfiedrig

 

50 % Glattfiedrig

 

 

 

Überblick der Entwicklungsstadien

 

Interessant ist der Fortschritt, den Arie Boland innerhalb der 15 Jahre gemacht hat, in denen er an seiner Kreation arbeitete. Viele Leser werden sich nicht bewusst darüber sein, dass Haubenhühner ursprünglich aus kalten Klimazonen stammen, gelockte Rassen aus wärmeren Regionen.

 

1978:   Steif aufrecht stehende Federn hinter dem Kamm (nicht notwendig Hauben!) wiesen Individuen der Nachkommenschaft zu Beginn des Experiments auf.

 

1980:   Einige Dutzend Federn deuten eine Art von Haube an als Folge der Anwendung aufeinander aufbauenden genetischen Hintergrundwissens.

 

1981:   Kehllappen erschienen noch bei Einfachkämmigen, aber immer noch keine Bärte.

            Der Chabo-Typ bleibt dominant. Eine korrekte Federlockung war kein Problem mehr.

 

1983:   Einige Nachkommen legten noch Probleme mit den Kämmen an den Tag, die Hauben wurden größer. Zu dieser Zeit wurden die Weißen vollendet, sechs andere Farbenschläge befanden sich in der Entwicklung.

 

1985:   Die Typen in schwarz und weiß sind nahezu perfekt. Über die Erfahrung mit glattfiedrigen Tieren herausgefunden, setzte sich die Erkenntnis durch, dass Zuchttiere möglichst große Hauben haben mussten, um bei den Nachkommen ordentliche Hauben zu erzielen.

 

1986:   Internationales Interesse zeigte sich mit Exporten nach Belgien, England, Deutschland, Italien und die Vereinigten Staaten.

 

1987:   Mehr als 1000 Küken wurden erbrütet, um von ihnen geeignete Merkmalsträger auswählen zu können. Über einen Zeitraum der letzten beiden Jahre wurde die neue Kreation während der Niederländischen Rassegeflügelschau und anderer regionaler Ausstellungen ausgestellt, um die Variante „gelockt“ bekannt zu machen und die Aufnahme in den Rassegeflügelstandart zu beschleunigen.

 

1989:   Einige Farbenschläge wurden vom niederländischen Zucht- und Anerkennungsausschuß in den Standart aufgenommen.

            Eine Gruppe von 30 amerikanischen Rassegeflügelliebhabern besuchte das Boland-Anwesen während ihrer Rundreise durch Europa, um sich über die neue Federvariante bei Haubenhühnern zu informieren.

 

1992:   In allen bekannten Farbenschlägen wurden die unterschiedlichen Merkmalsträger in den Standard aufgenommen.

Damit waren alle bekannten Farbenschläge von Paduanern und Holländer Haubenhühnern der glattfiedrigen Tiere, auch im Zwergformat, ebenfalls in gelockt anerkannt.

            Eine großartige Leistung steckt hinter dem Bestreben, diese neue und wundervolle Gefiedervariante auf die Haubenhühner zu übertragen und sie im Spektrum des Standarisierten Rassegeflügels zu Anerkennung zu bringen.

            Langsam aber stetig werden sich die gelockten Haubenhühner weltweit verbreiten.

 

Ende der 90er Jahre kam auch in Holland die unsägliche Qualzuchtdiskussion auf. Pauschal wurde vor verurteilt und es wurde beschlossen, keine weiteren Varianten mehr zu zulassen. Das hat Arie sehr getroffen, denn er hatte die gelockten Zwerg Holländer Weißhauben kreiert. Aber er gab nicht auf und mit der Unterstützung des Niederlandse Kuif u. Bartkuifhoendersclub (NKBC) wurde erreicht, das auch alle anderen noch nicht anerkannten gelockten Haubenhuhnvarianten wieder vorgestellt werden durften. Sein recht früher Tod verhinderte die Vorstellung der gelockten Zwerg Weißhauben und es ist mir nicht bekannt ob die Zuchtstämme überlebt haben. Die gelockten Zwerg Paduaner sind bei einigen Zuchtfreunden in allen Farben zu finden. Der Freundeskreis wird ständig größer, und vor allen Dingen das weibliche Geschlecht mag diese Variante. Im Jahr 2001 wurde von mir der Versuch einer Anerkennung im Bereich des BDRG gemacht. Leider scheiterte ich mit dem Vorhaben, da die Hauben noch zu groß waren. Im Jahr 2002 waren die Hauben der Tiere deutlich kleiner aber den Hähnen wuchsen plötzlich Hörnerkämme, so wurde es auch im  Jahr 2002 nichts mit der Anerkennung. Jedoch zeigten ich 2002 auf der HSS in Erlensee 1,3 feine Vertreter dieser Rasse, die auch die Fachleute begeisterten. Auch wenn es manche Gegner dieser Variante gibt, so bin ich doch überzeugt, das wir die Gelockten Holländischen Haubenhühner irgendwann auch bewertet auf Schauen im Bereich des BDRG bewundern können.

 

Norbert Niemeyer

 

Quellen:

"The Glory Of The Frizzled Polands“

Avicultura International, H.Schippers Vol. 2, No. 3, 1996. Privates Archiv, Gespräche mit Arie Boland  und Huub Gubbels, Combinatie de Krulveer