Meine Erfahrungen mit blauen Seidenhühnern
Es dürften mittlerweile ca. 20 Jahre vergangen sein, seit ich zum ersten Mal blaue Seidenhühner „in natura“ sah. Wenn ich mich richtig erinnere, waren es eine handvoll blaue, die Zfrd. Lanvermann (der ältere) bei der „Westdeutschen“ in Münster ausgestellt hatte. Die Farbe war faszinierend, ein schönes gleichmäßiges helleres Blau. Die Tiere waren zwar etwas flach in der Oberlinie und recht schmal im Körper. Auch die Schwingenfederstellung war nicht einwandfrei. Aber das Problem der abdrehenden Armschwingen haben wir ja auch heute noch und das nicht nur bei blau. Die „Lanvermänner“ waren damals sehr engagiert und dokumentierten ihre züchterischen Aktivitäten, insbesondere die Herauszüchtung der blauen, mit viel Aufwand in einer gut aufgemachten Broschüre. Ich muss diese bei Gelegenheit mal wieder in meinen „Hühnerunterlagen“ suchen.
Damals reifte bei mir der Gedanke, mich mit der Zucht der blauen zu befassen. Nach verschiedenen Zuchtversuchen mit etlichen Rückschlägen sind die blauen heute ein fester Bestandteil meiner Zucht. Aber der Reihe nach.
Damals als Zfrd. Lanvermann seine blauen in Münster zeigte, plagte ich mich bereits mit den schwarzen rum. Bei aller Schönheit hatten diese ein Manko, das mich schier verzweifeln ließ: sie hatten durchweg Kammauswüchse. Man sah das damals auf den Schauen zwar nicht so eng, für die eigenen hohen Ansprüche musste aber etwas passieren. Die Idee war die Kreuzung der schwarzen mit meinen weißen, die diesbezüglich einwandfrei waren. Und dann war noch der Hintergedanke, daraus irgendwie blaue zu bekommen.
Es wurde darauf hin ein 1,0 weiß mit einer schwarzen Henne gekreuzt. Die Nachzucht war schwarz, wobei die Hähne später goldene Halsbehänge bekamen, auch die Hennen hatten zum Teil leicht gold, es waren aber auch rein schwarze darunter, was eine 0,1 schwarz mit v oder hv Ehrenband in Münster belegen könnte, wenn sie noch leben würde. Die Kämme waren großteils o.k. Und das war ja das Hauptziel des Unternehmens. Im Folgejahr wurde diese „F1“ miteinander gekreuzt. Anmerkung: Der genetische Begriff F1 ist aus dem lateinischen abgeleitet. Die 1 steht für die erste Generation, das F ist die Abkürzung für filius (Sohn) bzw. filia (Tochter). Was da alles rauskam! Es war wenig brauchbar. Warum auch immer hatten die weißen knallrote (wenn auch korrekt geformte) Kämme, die schwarzen hatten Kammauswüchse, auch die vereinzelt gefallenen blauen teilten dieses Manko. Und wildfarbige waren dabei, die aber gar nicht so schlecht waren. Diese wurden später eigenständig weitergezüchtet. Die weißen hatten (neben wenigen farblich einwandfreien) ein sehr helles andalusierweiß. Ein blau gefallener Hahn (mit Kammauswüchsen), dessen Entwicklung ich mit Anspannung beobachtete, bekam mit dem Erwachsenengefieder zu allem Elend einen braunen Hals. Ich habe weitere Zuchtversuche in Richtung schwarz und blau durch Kreuzung mit weiß daraufhin eingestellt und mir ins Gedächtnis eingebrannt: reines weiß gekreuzt mit schwarz oder blau verträgt sich nicht.
Stattdessen habe ich mir von Zfrd. Rudolph, der sich mittlerweile auch mit den blauen beschäftigte, einen Zuchtstamm geholt, um damit die Lust auf die blauen zu stillen. Es hat großen Spaß gemacht, endlich das theoretische Mischungsverhältnis von 25% andalusierweiß, 50% blau und 25% schwarz nachzuvollziehen. Nur waren die Tiere bereits für die damaligen Begriffe zu klein (heute wären das einwandfreie Zwerge), weshalb ich mich hier wieder in einer Sackgasse befand und die Zucht erneut aufgab.
Aber der Virus ließ mich nicht los. Ich glaubte gerne den Ausführungen von Zfrd. Friebel, der über problemlose Kreuzungen seiner blauen mit einem Hahn aus der Zucht von Zfrd. Zumbrägel berichtete. Genetisch lässt sich das Phänomen sogar erklären, wonach es bei den Seidenhühnern zwei Ausprägungen von weiß gibt. Den kleinen Unterschied machen dabei die Faktoren Co bzw. cO aus. C steht für die Fähigkeit zur Farbbildung (Chromogen), das O für den Farbverwirklichkeitsfaktor (Oxydase). Kreuzt man beide weißen Linien, erhält man erst mal lauter „bunte“ (vermutlich wildfarbige), vgl. Robert Gleichauf, Züchtungs- und Vererbungslehre für Geflügelzüchter, Verlag Fritz Pfenningsdorff, S. 269. Die eine Linie verträgt sich wohl besser mit blau als die andere. Und meine verträgt sich eben nicht. Dabei interessiert mich ehrlich gesagt herzlich wenig, welche genetische Kombination daran Schuld ist. Aber beruhigend ist, dass Experten sich das erklären können.
Eine zur Hauptsonderschau von Zfrd. Matthias Friebel mitgebrachte blaue bärtige Henne wurde mit einem weißen Hahn aus meiner Zucht gekreuzt. Um nicht wieder ein Trauma mit der „F2“ (zweite Tochtergeneration) zu erleben, wurde deren Nachzucht an einen blutsfremden blauen Hahn aus der Zucht von Zfrd. Lanvermann gestellt, den ich an einem Rosenmontag dort mit 2 weiteren Hennen abholte. Eigentlich hatte ich für „Fasenacht“ freigenommen, zog aber dann diesen Züchterbesuch vor. Aus dieser Basis wurden nach zwei bis drei Jahren akzeptable blaue ohne Bart, mit denen ich mich erstmals zur HSS traute. Dort wurde die Qualität entsprechend attestiert, wobei natürlich der Seltenheitsfaktor Berücksichtigung fand.
Die nach wie vor unzureichende Größe, eine ziemlich haarige Feder und auch Defizite in der Eigröße und in der Vitalität ließen in mir das Projekt einer Einkreuzung von Zwerg-Orpington reifen. Laut Zfrd. Lanvermann sollte das überhaupt kein Problem sein. Bereits in der 1. Generation sollen formlich typische Kämme ohne Auswüchse fallen, was er mir anhand seiner Nachzucht auch dokumentieren konnte. Ich besorgte mir darauf hin alle fünf verfügbaren andalusierweißen („fehlfarbige“) Junghennen aus der Spitzenzuchtzucht von Ferdinand Richter mit dem Hinweis auf meine Bestrebungen. „Wenn einer solche Abenteuer wagt, muss ein echter Kenner sein“. So (denke ich zumindest) muss ich den Zuchtfreund beeindruckt haben, denn ich durfte bzw. musste ihm seine ganze Nachzucht an Zwerg-Orpington und Zwerg-Brahma sortieren. Honoriert wurde mein Aufwand mit einem Preisnachlass, so dass wir beide zufrieden waren. Von den fünf Hennen erreichte leider nur eine einzige Henne das Erwachsenenalter, die anderen gingen ein, ohne dass ich Krankheitsanzeichen feststellen konnte.
Die verbliebene eine Henne jedoch hatte es in sich. Ich kreuzte diese mit einem andalusierweißen Hahn und hatte eine stolze Nachzucht mit allein knapp 20 Hennen. Alle, wie erwartet, andalusierweiß, glattfiedrig, mit Ansätzen zum Wustkamm und teils mit fünfter Zehe. Diese Tiere habe ich „flächendeckend“ in meine Blauzucht eingekreuzt. Es waren kräftige und vitale Tiere mit einem nie gekannten Eigewicht und stabiler Schale (siehe Foto: Zuchtstamm aus 2002 mit 1,0 blau und andalusierweiße F1-Hennen Seidenhuhn x Zwerg-Orpington). Eine Henne aus der 2. Generation konnte ich bereits auf der HSS ausstellen. Bei ihr waren keinerlei Fremdblutanleihen festzustellen. Im Gegenteil, mit sg95 war diese ein sehr typisches Seidenhuhn.
Von dieser Einkreuzung profitiert meine Zucht nach wie vor. Das braun im Hals als Erbe des Wildfaktors der weißen Einkreuzungen ist so gut wie weg, die Kämme sind sauber, die Zehen stimmen. Jetzt heißt es noch die Gesichter dunkler zu züchten. Und darüber hinaus treten natürlich die „ganz normalen“ Fehler der Seidenhühner auf, deren Anteil durch die Einkreuzung zudem noch ziemlich hoch ist. Mittlerweile habe ich aus den blauen auch eine eigenständige Linie von schwarzen mit analogen Vorzügen erzüchtet, die ich rein (schwarz x schwarz) weiter züchte. Zwischenzeitlich liebäugle ich wieder mit der Einkreuzung in weiß, um die dunklen Gesichter evtl. schneller hin zu bekommen, fange mir dann aber wieder die bekannten Probleme ein.
Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren etliche Züchter mit den blauen Seidenhühnern beschäftigt haben. Bevor ich in Deutschland die ersten Tiere auf Ausstellungen sah, wurde von Vorkommen in der Schweiz berichtet, wobei ich weder über den Wahrheitsgehalt noch zur evtl. Qualität etwas sagen kann. Wegen der faszinierenden Farbe ist die Anfangsbegeisterung für die Zucht verständlicher Weise hoch. Wenn der Interessent dann Tiere erstanden hat und der Züchteralltag einkehrt, weicht die Euphorie jedoch meist ziemlich schnell und die Zucht wird wieder aufgegeben. Stellvertretend für den harten Kern der ausdauernden Züchter ist Zfrd. Matthias Friebel zu nennen, der über all die Jahre hinweg immer wieder seine blauen Seidenhühner in vorbildlicher Qualität auf den Ausstellungen präsentiert. Seine ursprüngliche Basis waren Kreuzungen weißer Seidenhühner mit blauen Zwerg-Cochin. Hennen aus dieser bartlosen Linie wurden später an einen silbergrauen Seidenhahn mit Bart gestellt, was durchweg blaue Hennen ergab. Die silbergrauen waren im damaligen Osten sehr selten. Der Hahn kam wohl über Umwege aus Ungarn über die Tschechei zu ihm. Ausgerechnet silbergraue in blaue einzukreuzen, ist schon etwas gewagt. Aber wie die Ergebnisse zeigen, führen viele Wege nach Rom. Mittlerweile hat sich Zuchtfreund Friebel auf die bärtige Variante bei den blauen festgelegt. Die bartlosen wurden einem interessierten Züchter übergeben, über deren weitere Entwicklung mir aber keine Informationen vorliegen.
Wenn ich mich so zurück erinnere, dann haben die Blauen viel dazu beigetragen, dass es mir in der Zucht nie langweilig wurde. Sie haben mir auch viel in Richtung Genetik beigebracht.
Da jeder seine eigene Sichtweise zu solchen Zuchtversuchen, insbesondere zu Einkreuzungen von anderen Rassen hat, sollen diese Erfahrungen nur eine Anregung sein, sich mit etwas Mut, Risikowillen und Durchhaltevermögen in seiner Zucht zu betätigen. Es muss ja nicht gleich eine fremde Rasse sein. Aber wie wär’s z.B. mit einem Hahn mit viel zu langen Kehllappen (um bei den Hennen schön ausgeprägte zu erzüchten) und (leider) fehlerhaften Kammauswüchsen. Leider fördert sich beides gegenseitig. Ich hab’s probiert. Die V97 SB und „Deutscher Champion“-Henne von Leipzig 2004 stammt aus dieser Linie, in der „Ruck zuck“ das Gewünschte gefestigt und das fehlerhafte weggedrängt wurde. Ohne genaue Aufschreibungen (und das Glück des Tüchtigen) geht es dabei aber natürlich nicht.
Es wäre schön, wenn möglichst viele Züchter ihre Zuchtergebnisse bei der nächsten HSS in 76767 Wörth am Rhein präsentieren würden. Gerade mit den Seltenheiten, wie es die blauen Seidenhühner sind, sollte die HSS die erste Adresse sein. Und keine übertriebene Befürchtung vor einem evtl. negativen SR-Urteil! Unsere Experten wissen sehr wohl die züchterischen Schwierigkeiten in der Bewertungsnote „dem Zuchtstand entsprechend“ zu würdigen.
Friedel Schwager, August 2005