Eine Reise in das Reich der Sinne

 

Im Gegensatz zu den berühmten drei Affen, welche nicht sehen, reden und hören können sind unseren Hühnern Sinneswahrnehmungen jedweder Art nicht fremd. Der eine oder andere von uns wird in den folgenden Zeilen sicherlich nichts Neues erkennen, andere wieder werden evtl. über die Fähigkeiten ihrer Schützlinge überrascht sein - sind sie doch zu Wahrnehmungen befähigt mit denen auf den ersten Blick kaum zu rechnen ist.

 

Der Gesichtssinn*:

Alle Geflügelarten sind in erste Linie Augentiere; sie finden sich in ihrer Umwelt vornehmlich auf Grund optischer Wahrnehmungen zurecht.

Das Gesichtsfeld ist auf Grund der seitlichen Anordnung der Augen am Kopf recht groß; der Sehwinkel beträgt beim Huhn etwa 160° je rechter bzw. linker Seite. Der binokulare Gesichtsraum, in dem die Tiere räumlich sehen ist jedoch recht klein. Er beschränkt sich auf eine Zone in der Form eines Dreiecks (dessen Grundlinie die Verbindung zwischen beiden Augen ist und dessen Spitze vor dem Schnabel liegt); sie endet ca. 8,5 Cm vor der „Grundlinie“ oder anders ausgedrückt ca. 2 cm vor der Schnabelspitze.

Im übrigen Gesichtskreis sehen die Tiere nur mit einem Auge. Um räumlich zu sehen ist das abwechselnde Fixieren eines Gegenstandes mit dem linken und rechten Auge erforderlich. Dies erreichen die Tiere durch Hin- und Herwenden des Kopfes oder durch Zickzackgang. 

Die Sehleistung im alltäglichen Leben ist bei den Geflügelarten unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren wie Nahrungsaufnahme, Aufmerksamkeit, Schreckhaftigkeit, Furcht u.a.m. bedingt. Hühner als sogenannte Gebüschbewohner beobachten scharf, was in ihrer unmittelbaren Nähe geschieht. Sie sind geradezu auf Nahsicht eingestellt. Freilandversuche haben ergeben, dass sich große Hühner auf 50 m einander erkennen, Zwerghühner auf 25 bis 40 m. Dies ist sicherlich ein Grund warum sich Hühner in der Regel nicht allzu weit vom Stall entfernen und warum ein Stall zur idealen Ausnutzung der Fläche in der Mitte eines Auslaufs platziert sein sollte.

Zu diesem Punkt sei abschließend angemerkt, dass sie in wissenschaftlichen Versuchen sowohl Formen als auch Farben erkennen konnten. Die Farben Rot, Gelb, Grün werden unterschieden, reines Blau aber nicht wahrgenommen.

 

Der Gehörsinn*:

Dem Geflügel fehlt, wie bei allen Vögeln das äußere Ohr, Ein von Federn dich besetzter Hautsaum schützt den Eingang zum kurzen äußeren Gehörgang, der zum in die Tiefe verlagerten Trommelfell führt. Das Trommelfell eines Haushuhnes hat eine Fläche von ca. 25 mm². Als Vergleich dazu, die Fläche beim Waldkauz beträgt 50,63 mm².

Die Fähigkeit zur akustischen Ortung ist beim Geflügel gut ausgebildet und so kommt ein Huhn tatsächlich fast an die Leistungen eines Hundes heran. Kommen die Töne von oben statt seitlich, von vorn oder von hinten, verlieren Hühner jedoch die Orientierung, weil bei über- oder hintereinander angebrachten Lärmquellen die Schallwellen aus der gleichen Richtung kommen. Hat sich ein Küken verirrt, peilt es den Standort der Glucke an, indem es geschwind in verschiedene Richtungen läuft und von jeder neuen Stelle aus die Lautquelle (Glucktöne) abhört. Die Hörgrenze liegt beim Küken bei einem Abstand von 15 m zu Glucklaut.

Die Laute beim Huhn sind sehr unterschiedlich und so haben verschiedene Wissenschaftler bis zu 30 verschiedene Lautäußerungen erfasst. „Der Hahn lockt, warnt, kräht, gackert aufgeregt bei unbestimmter Gefahr - und weniger zur Warnung - er singt monoton, wenn er für sich allein ist, er verfügt über zärtliche Töne und grollt drohend und mit möglichst tiefer Stimme Widersacher an usw. Die Henne gackert bei Gefahr und drückt damit wohl mehr eigenes Erschrecken und Beunruhigung an, als dass sie die übrigen Hühner warnen möchte. Sie grakelt aus Wohlsein und während der Legereife, sie äußert schließlich kurze, singende Geselligkeitslaute.

Ein Küken im Ei lässt 24 h vor dem Schlüpfen Pieptöne hören und die Glucke antwortet mit Glucklauten darauf. Auf dieses Glucken während der Brut antworten Küken schon ab dem 9. Bebrütungstag mit Schnabelklopfen im gleichen Rhythmus.

 

Der Tastsinn*:

Beim Geflügel sind zahlreiche zellige Tastkörper in der Schnabelhöhle, am Schnabelrand (Ente und Gans), auf der Zunge, am Zungenrand und im Rachen vorhanden. Der Tastsinn vermittelt neben dem optischen Sinn die wichtigsten Informationen für die Nahrungsaufnahme, z.B. über die Größe, Form, Oberflächenbeschaffenheit, Härte und Höhe der Futterstoffe. Erst auf Grund der taktilen Wahrnehmung bewerten Geflügelarten ihr Futter eindeutig. Zwar erfolgt die erste Beurteilung optisch - sozusagen nach Augenmaß -, letztendlich bestimmen Schnabelgröße und Schlundweite die jeweils optimale Größe, und taktile Erfahrungen entscheiden über Verzehrbarkeit, die zum Maßstab für die Bewertung wird. Das Huhn ist mit seinem schmalen und spitzen Schnabel imstande kleine Futterteilchen sicher zu ergreifen und mit der Zunge in den Schlund zuschieben. Hühner bevorzugen daher feste Futterstoffe, d.h. Körner, Insekten usw.

Bei der Futterauswahl hat die Größe des Futters den meisten Einfluss. Innerhalt der Grenzen leichter Verzehrbarkeit bevorzugt das Huhn die Teilchengröße von 2,5 mm. Unter den Getreidearten entspricht das Weizenkorn am besten diesem Maß. Mais liegt bei weitem darüber und sollte daher geschrotet werden.

 

Der Geschmackssinn*:

Unter den Geflügelarten haben Tauben und Gänse einen relativ empfindlichen Geschmackssinn, die Hühner erscheinen im Vergleich mit ihnen recht schmeckstumpf zu sein. Das gilt aber nur für erwachsene Tiere. Als Küken reagieren sie fast so sensibel wie Tauben. Beim Huhn sind ca. 50 Geschmacksknospen nachgewiesen, das sind sehr wenige. Beim Menschen gibt es mindestens 2000, beim Kind sogar bis 8000. Bitter und süß werden erkannt. Die Schmeckempfindlichkeit ist dabei u.a. von der Wärme des aufgenommenen Stoffes abhängig.

 

Der Geruchssinn**:

Den Hühnern wurde bislang allgemein bescheinigt keine guten Geruchseigenschaften zu besitzen bzw. sie nicht zu nutzen, dabei ist der Geruchskolben im Gehirn dagegen sehr groß ausgeprägt.

Bekanntlich hilft der Geruchssinn Vögeln (insbes. Brieftauben) dabei, sich zu orientieren, Nahrung zu finden oder sich gegenseitig zu erkennen.  Ein Huhn hat nach neuesten Schätzungen 570 Geruchsrezeptor Gene, von denen 80 % aktiv sind. Der Mensch besitzt 1.000 Geruchsrezeptor Gene, von denen allerdings nur 50 Prozent aktiv sind. So nutzen wir in etwas genauso viele Geruchsrezeptor Gene wie auch ein Huhn es tut.

 

Der Vibrationssinn*:

Der Vibrationssinn wird heute auch als Hautsinn bezeichnet. Er nimmt mechanische Schwingungen auf und ist vom Gehörsinn deutlich getrennt. Als Rezeptionsorgane gelten die sogenannten „Herbstschen Körperchen“ welche insbesondere im Unterschenkel zusammen gefasst sind. Sie registrieren vor allem Schwingungen der Unterlage, welche also von den Zehen erfasst werden. Da die Rezeptoren jedoch im ganzen Körper verteilt sind, sind Hühner auch in der Lage sozusagen über die Haut Luftschallwellen wahrzunehmen.

 

 

Porta Westfalica, im Juli 2010

 

Günter Droste

 

 

Quellen:

*Mehner/Hartfiel: Handbuch der Geflügelphysiologie 1983

** MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT Presseinformation  B / 2008 (155) vom 16.07.2008

 

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