Zwerg-Crève Coeur

Zu Beginn eines Artikels über eine Rasse erwartet der Leser heutzutage normalerweise einen geschichtlichen Überblick über die Heimat der jeweiligen Rasse, verbunden mit entsprechenden Ausführungen zur Erzüchtung und Verbreitung. Bezüglich der Crève Coeur könnte man hierzu sicherlich sehr ausführlich einen entsprechenden geschichtlichen Rückblick tätigen, handelt es sich doch um eine Rasse, welche bereits Mitte des 16. Jahrhunderts in der Normandie entstanden ist. Aber bezüglich der Verzwergung gibt es keine bzw. nur sehr wenige „ältere“ Unterlagen auf welche man zurückgreifen könnte. In den Büchern „Der Hühnerstall“ (Ch. Jaques, 1899) und „Französische Hühnerrassen“ (Louis Serre, 1944) beschreiben zwei Franzosen die Rassen ihrer Heimat und insbesondere auch die Rasse der Crève Coeur sehr ausführlich und kommen dabei hinsichtlich des Charakters und der sonstigen Eigenschaften der Rasse ins Schwärmen. Louis Serre zitiert in seinen Ausführungen einen Herrn Lemoine, welcher alle Qualitäten der Rasse (Schönheit aber insbesondere auch die Eignung zur Mast und den Geschmack des Fleisches) bestätigt, aber als Mangel eine Empfindlichkeit gegenüber Kälte und Feuchtigkeit erwähnt.

... Der Schnupfen tritt bei diesem Geflügel häufig auf und kann, wenn er nicht ausreichend behandelt wird zu Augenkrankheiten führen. Diese ärgerliche Anfälligkeit für Krankheiten, vom feuchten Klima herrührend, hat der Entwicklung dieser Rasse in England sehr geschadet. Das englische Klima ist normalerweise nicht mit dem Schopf-Geflügel zu vereinbaren.      Wenn die Engländer gekonnt hätten ....

Was hat dieser Autor wohl damit gemeint, als er schrieb „... Wenn die Engländer gekonnt hätten ...“. Wäre dann im Mutterland der Rassegeflügelzucht diese Rasse eventuell nicht nur veredelt worden, sondern auch die verzwergte Variante dieses äußerst interessanten Vollhaubenhuhnes entstanden?

Nein, Gedanken an die Erzüchtung von Zwerghühnern wurden seiner Zeit nicht „verschwendet“. Die Züchtung von Zwerghühnern ist eine Erscheinung der Neuzeit und war vor 80 oder gar 100 Jahren aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten fast indiskutabel.

Aber in den vergangenen Jahrzehnten hat sich im Bereich der Rassegeflügelzucht, innerhalb Europas und insbesondere im Einzugsbereich des BDRG vieles getan. Alte heimische Rassen sind auch bei uns teilweise gänzlich verschwunden und „neue“ aus fernen Ländern aufgetaucht. Ferner sind inzwischen in dem sogenannten Jahrhundert der Zwerghuhnzucht fast sämtliche Rassen nunmehr ebenfalls im Mini-Format anzutreffen. Auch die Crève-Coeur!

Bereits anläßlich der Deutschen Junggeflügelschau in Hannover vom 22. bis 24. Oktober 1965 und nochmals am gleichen Ort im Oktober 1966 wurden schwarze Zwerg-Crève Coeur im Anerkennungsverfahren vorgestellt. Max Ansorge aus Hamburg-Blankenese versuchte seinerzeit die verkleinerte Nachbildung der Großrasse auf unseren Ausstellungen zu etablieren. Unter den strengen Augen von Georg Beck aus Sprendlingen, dem Ehrenmeister des BDRG und damaligen 1.Vorsitzenden des Verbandes der Zwerghuhnzüchtervereine und Vorsitzenden des „Spartenausschuß für die Zucht der Zwerghühner im BDRG“ war ihm eine Anerkennung jedoch nicht vergönnt. Mit den Noten g und u bei den Hähnen und b und u bei den Hennen im Jahre 1965 sowie 1966 2 x u bei den Hähnen und u und g bei den Hennen wurde das Vorstellungsverfahren wieder abgebrochen.

Im Gegensatz zur seinerzeit gescheiterten Anerkennung wurde diese Rasse in den USA schon im Jahre 1960 in den „Standard of Perfection“ aufgenommen und kann somit zumindest dort auf eine doch schon relativ lange Tradition zurückblicken. In Großbritannien sollen sich ebenfalls noch Angaben im Standard finden. Auf den europäischen Festland dagegen im übrigen nur Fehlanzeigen. In Deutschland dachte über lange Jahre niemand daran einen erneuten Versuch zu unternehmen. Vollhaubenhühner waren nicht in Mode und wurden nur von wenigen Ideallisten gehalten. Warum also auch noch eine ausgesprochene Rarität der großen Hühner in der Zwergform erzüchten?Dieses nahm erst Anfang der neunziger Jahre Kurt Gemsjäger aus Darmstadt-Wixhausen in Angriff. Sein Vorhaben, aus Vertretern der Großrasse und jeweils schwarzen Zwerg-Paduanern sowie Zwerg-La Flèche schwarze Zwerg-Crève Coeur entstehen zulassen, war jedoch weitaus schwieriger als ursprünglich erwartet. Besondere Probleme stellten sich beim Erreichen einer idealen Kammstruktur und der reduzierten Kehllappenbildung. Erst mehrere Jahre nach den ersten Kreuzungen konnte ein Antrag auf Zulassung zum Vorstellungsverfahren gestellt werden, dem der Zucht- und Anerkennungsausschuß des BDRG in seiner Tagung vom 14. Mai 1987 in Mainz entsprach. Aber von der ersten Vorstellung anläßlich der 69. Nationalen in Dortmund vom 11. bis 13. Dezember 1987 bis zur endgültigen Anerkennung war es dann doch noch ein relativ langer Weg. Erst sieben Jahre später führte die doch überzeugende Vorstellung mit 5 x der Note sehr gut und 3 x gut an gleicher Stelle  zum gewünschten Erfolg. Die Anerkennung dieses interessanten Zwerghuhnes wurde auf der Sitzung des BZA am 10. und 11. Mai 1995 in Verden an der Aller beschlossen. Direkt hinein in die damals heftige und sehr emotional geführte Diskussion um die „Qualzuchten“ im Sinne von § 11 b des Tierschutzgesetzes. Eine schöne Bescherung!Und der Sonderverein der Züchter der Seidenhühner und Zwerg-Haubenhühner? Statt beherzt zuzugreifen und den Strauß der betreuten Rassen um eine weitere herrliche Blume zu erweitern zögerten wir, als ein Antrag auf Betreuung durch den Sonderverein gestellt wurde. „Bitte besuchen Sie unsere nächste Sommertagung und stellen Sie Ihre Tiere vor“ war unsere Antwort. Aus heutiger Sicht war es eine schlechte um nicht zu sagen wahrscheinlich sogar die falsche Antwort. Aber man möge uns verzeihen, wir hatten damals (s.o.) erhebliche Sorgen und den Kopf für Neues leider nicht frei.Diese Kombination unglücklicher Umstände führte dazu, daß die Zwergform dieser Rasse aus der Normandie beinahe still und leise wieder in der Versenkung verschwunden wäre.

Erst nachdem sich im Jahre 1998 wenigstens ein Mitglied des SV für diese Rarität begeistern konnte wurde auf entsprechenden Antrag des SV der Züchter der Seidenhühner und Zwerg-Haubenhühner diesem auf der 22. Bundestagung des Verbandes der Zwerghuhnzüchtervereine 1999 in Zwönitz, Sachsen, die Betreuung der Zwerg-Crève Coeur übertragen.Ich hoffe, daß diese noch in den Anfängen steckende Betreuung nunmehr zu einer weiteren Verbreitung der Rasse führt, denn ganz ehrlich gesagt, keine Rasse sollte sich darum reißen fester Bestandteil in einer „Aktion zur Förderung äußerst seltener Zwerghuhnrassen“ zu werden oder zu bleiben. Trotzdem einen herzlichen Dank an die Veranstalter der 71. Deutschen Zwerghuhnschau in Dortmund 1999. Hier konnten auf Grund der Initiative der Veranstalter 2 Stämme präsentiert werden. Wann hätte eine breitere Öffentlichkeit wohl ansonsten überhaupt Notiz von dieser Perle der Zwerghuhnzucht genommen?

Die allgemeinen Anforderungen des Standards

Als verkleinerte Nachbildung der Großrasse mit mittelgroßer, gestreckter Landhuhnform, vollem Körper und kaum mittelhohem Stand wird diese Rasse gewünscht.Der Rumpf ist breitgestreckt, fast rechteckig wirkend und dabei waagerecht getragen. Ebenfalls breit sind die Schultern und der Rücken, wobei Letzterer mittellang und fast gerade wirkt. Die Flügel mit ihren breiten Schwingenfedern werden angehoben getragen und enden unter dem voll und reichlich befiederten Sattel welcher einen guten Übergang zum mäßig hoch getragenen und mit breiten und gut gebogenen Sicheln versehenen Schwanz darstellt.  

Kopfpunkte (Kamm, Haube, Bart)

Besondere Zierde des breiten, stark gewölbten, mit halbkugliger Auftreibung versehenen Kopfes ist die Haube und der Geweihkamm, bestehend aus zwei gleichförmigen, im Querschnitt runden, wenig gebogenen bis 1,5 cm langen Hörnern. Entgegen den La Flèche, welche senkrecht stehende Hörner haben, sollen sie hier V-förmig angeordnet und gut gegen die Haube hin aufgerichtet sein. Dabei sind Kammauswüchse oder blätterartige Hörnerbildung verpönt. Vollständig vom großen, sich kaum in Kinn- und Backenbart teilenden Bart sollen die kleinen, kurzen und runden Kehllappen verdeckt werden. Das gleiche gilt für  die kleinen Ohrlappen, deren Farbe belanglos ist. Große, rötlichgelbe Augen und der kräftige, gut gebogene Schnabel, mit den für die Haubenhühner so typisch aufgeworfenen Nasenlöchern, geben dem Gesicht einen besonderen Ausdruck. Dabei ist eine über der Schnabelwurzel des Oberschnabels befindlich kleine Fleischwarze, die oft nur durch eine rote Stelle angedeutet wird, zulässig und nicht als Fehler zu strafen.

Da mangelnde Sichtfreiheit bei sämtlichen Haubenhühnern ein grober Fehler ist wird die Haube groß, dicht aber zurückgeworfen verlangt, so daß der Kamm und die Augen frei liegen. Die etwas gedrungener und im Körper voller wirkende Henne hat eine möglichst kugelförmige Haube, die hoch und gerade auf dem Kopf sitzen soll. Dabei erscheint der Bart der Henne etwas mehr in Backen- und tief reichenden vollen Kehl- oder Knebelbart geteilt.

Fehler

In den Bereich der groben Fehler sind ferner ein schmaler und kurzer Körper evtl. kombiniert mit flacher Brust und abfallender Haltung ein zuordnen. Das gleiche gilt für eine zu hohe Stellung und steile Schwanzhaltung. Eine zu kleine (nicht eine kleine sondern eine zu kleine) Haube, die zudem lose und ungleichmäßig ist, ist ebenfalls kein Aushängeschild eines Haubenhuhnes.

Farbe

Im Gegensatz zu den großen Crève Coeur, welche in den Farben schwarz, weiß, perlgrau, blau-gesäumt und gesperbert im Standard aufgeführt werden, sind die Zwerge nur im schwarzen Farbenschlag anerkannt.

Im Schein der Sonne kann die schwarze Farbe selbstverständlich nur bei entsprechendem Grünlack schillern. Mattes oder violett glänzendes Gefieder, evtl. rote Federn im Schmuckgefieder oder Weiß in der Haube sind jedoch nicht erwünscht (ein von außen nicht sichtbares Putzen einzelner weißer Federn sollte meines Erachtens jedoch vorerst auf Grund der geringen Verbreitung toleriert werden).

Größe/Gewicht und Leistung

Anläßlich der Tagung des BZA am 10. und 11. Mai 1995 wurde sozusagen von Amts wegen bei verschiedenen Zwerghühnern eine Anhebung des Standardgewichtes vorgenommen. Dabei wurden jedoch nur bereits bestehende Zustände legalisiert, handelte es sich hierbei doch um die Zwergformen von ausgesprochen großen und schweren Hühnerrassen. Eine entsprechende Angleichung erfolgte bzgl. der Zwerg-Crève Coeur im Jahre 1999. Die Angaben des Standards lassen heute einen Hahn mit einem Gewicht von 1100 und einer Henne von 900 Gramm zu. Entsprechendes gilt für die Größe der Ringe, welche nunmehr mit 15 bzw. 13 Millimeter Durchmesser zugelassen sind.Nachdem noch vor wenigen Jahren in der Legeleistungstabelle des Deutschen Rassegeflügel-Standard  die durchschnittliche Legeleistung im ersten Jahr mit N. b. (Nicht bekannt) angegeben wurde wird dort nunmehr eine Legeleistung von 100 aufgeführt. Dabei sollte das Brutei-Mindestgewicht 35 Gramm betragen. Die Schalenfarbe der Eier ist weiß.

Das Musterbild

Ein Kuriosum stellt das Musterbild des Standards dar, die Henne wird im weißen Farbenschlag präsentiert. Sollte es sich dabei um die offizielle Aufforderung zur Erzüchtung weiterer Farben handeln? Bereits vor etlichen Jahren war es Zuchtfreund Gemsjäger jedoch nicht vergönnt einen weiteren Züchter für die neben den schwarzen ebenfalls entstandenen weißen, blauen und gesperberten Zwerg-Crève Coeur erwärmen. Aber dies muß ja auf Dauer nicht so bleiben.Damit eine angemessene Verbreitung erreicht werden kann - und ein Dasein als Mauerblümchen vermieden wird - sind alle Interessenten und Züchter aufgerufen sich an den Sonderverein der Züchter der Seidenhühner und Zwerg-Haubenhühner zu wenden.

Bei der Vermittlung der derzeit noch wenigen Züchteradressen steht Günter Droste, Hildburgstraße 16, 32457 Porta Westfalica, Tel. 05751/8208, als Ansprechpartner des Sondervereins zur Verfügung. 

G. Droste

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